Spex No 353, von Kerstin und Sandra Grether: Songtextkritik Lily Allen „Sheezus“

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Lily Allen betrachtet die Welt aus feministischer Perspektive. Sie singt über regressive Schönheits- und Körpernormen, slut-shaming und gläserne Karrieredecken, über Rape Culture und Frauen als Objekte. Diese Themen, die bei Allen zuvor eine eher subtile Rolle spielten, stehen auf ihrem dritten Album Sheezus explizit im Mittelpunkt. Das ist erfreulich.

Das Video zu »Hard Out Here«, der ersten Single des Albums, wurde zurecht als rassistisch kritisiert. Lily Allen thematisiert die Hypersexualisierung im Popgeschäft ausgerechnet, indem sie im Video schwarze Tänzerinnen und Tänzer erniedrigt, die ohnehin mehr als weiße von der stereotypen Zuschreibung der Hypersexualisierung betroffen sind. Dass Allen Unterdrückung benennt, sich dafür aber der Instrumente der Unterdrückung selbst bedient, war auch auf anderer Ebene ein Problem. Die vielfach wiederholte Phrase »It’s hard out here for a bitch« sorgte für ein kalkuliertes Missverständnis und stach bei oberflächlichem Hören im Radio als besonders sexistisch hervor. Soweit so kompliziert. Über Sinn und Unsinn der (Wieder-)Aneignung der Begriffe »bitch« oder »slut« ist in der (queer-)feministischen Community in letzter Zeit ohnehin viel diskutiert worden. Das Wort »bitch« an zentraler Stelle eines Popsongs zu platzieren, der ein Hit werden will, ist auf jeden Fall ein Schachzug, von dem man sich wünscht, er würde nicht aufgehen. Tat er aber!

Auch der Titelsong »Sheezus« birgt wieder jede Menge Missverständnisse und lässt die Vermutung zu, dass Lily Allen beide Seiten bedienen will: das patriarchalische Musikgeschäft, das sie immerhin klug kritisiert, ebenso wie die nach Selbstermächtigung strebende moderne Frauengeneration, zu der sie gehört. »Give me that crown, bitch, I wanna be Sheezus!« So lautet die »Sheezus«-Hookline. Man könnte sie auch so lesen, dass Allen sich diesmal selbst in die überlegene Position gegenüber der als »bitch« titulierten Person bringt und also genau die Konkurrenzsituation unter Frauen herstellt, die sie in Statements zur Platte so entschieden verdammt. Oh, Sheezus!

Nimmt man Allen wiederum als Künstlerin ernst und nicht nur als feministische Projektionsfläche, lässt sich der Song als positives »Bin wieder da, der Kampf geht weiter« lesen – und nicht nur als Verbeugung vor, sondern auch als Persiflage auf Kanye Wests Erfolgsalbum Yeezus und dessen sich universell setzende männliche Sprechposition. Dazu passt, dass der Song sich über einem vom Tempo her recht getragenen HipHop-Beat abspielt und von der Anmutung eher nach Glamour-Parodie klingt und nicht, wie man annehmen könnte, aggressiv oder wütend. Trotzdem ist die Idee, den weiblichen Jesus zu verkörpern, irgendwie oll. Bei aller Nachvollziehbarkeit dieses Projekts: Wir erwarten von einer modernen feministischen Ansage mehr als die Inthronisierung einer alleinigen weiblichen Führerin.